Ungelöst – Neun Tote im Schnee – das Rätsel des Djatlow-Passes
Redaktion Polizeiticker Schweiz
Das Bild zeigt das Lager der Djatlow-Expedition (Bildquelle: Sowjetische Ermittlungsbehörden / Wikimedia Commons)
Ein verlassenes Zelt, tote Wanderer im Schnee und viele offene Fragen: Das Unglück am Djatlow-Pass.
In der heutigen Ausgabe unserer Serie „Ungelöst“ blicken wir auf einen Fall, der weltweit für Diskussionen sorgt: das Unglück am Djatlow-Pass. Im Februar 1959 sterben neun erfahrene Wanderer im Uralgebirge unter Umständen, die nie vollständig geklärt werden konnten.
Eine Expedition im Winter
Ende Januar 1959 bricht eine Gruppe junger, erfahrener Skiwanderer zu einer anspruchsvollen Tour durch den nördlichen Ural auf. Angeführt wird sie von Igor Djatlow. Zehn Personen starten – doch einer von ihnen, Juri Judin, kehrt wegen gesundheitlicher Probleme frühzeitig um. Er überlebt als Einziger.
Die übrigen neun setzen ihre Route fort. Ihr Ziel: der Berg Otorten. Doch dort kommen sie nie an.
Das verlassene Zelt
Als die Gruppe nicht wie geplant zurückkehrt, beginnt eine Suchaktion. Am 26. Februar 1959 finden Helfer das Zelt der Wanderer am Hang des Cholat Sjachl, später umbenannt in Djatlow-Pass.
Das Zelt ist verlassen. Ausrüstungsgegenstände, Schuhe und Kleidung liegen noch darin. Besonders auffällig: Die Zeltwand wurde offenbar von innen aufgeschnitten. Fussspuren führen vom Zelt weg in Richtung Wald.
Die Leichen im Schnee
Nach und nach werden die Körper der Wanderer gefunden. Einige liegen nur leicht bekleidet im Schnee, teils lediglich in Socken und das bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad. Andere werden erst Wochen später unter mehreren Metern Schnee in einer Schlucht entdeckt. Die ungewöhnlich geringe Bekleidung und die Verteilung der Leichen sorgen bis heute für Spekulationen.
Die darauffolgenden Untersuchungen ergeben: Mehrere Mitglieder der Gruppe starben an Unterkühlung. Andere weisen schwere Verletzungen auf, darunter Schädel- und Rippenbrüche. Einige Kleidungsstücke zeigten zudem Spuren radioaktiver Kontamination.
Einige der Verstorbenen wiesen zudem Verletzungen auf, die bis heute Fragen aufwerfen. Neben Fällen von Unterkühlung wurden nämlich bei mehreren Opfern schwere innere Verletzungen festgestellt, darunter Schädelbrüche und gebrochene Rippen, teilweise ohne entsprechende äussere Verletzungen. Bei zwei Leichen fehlten zudem die Augen, was später unter anderem mit natürlichen Einflüssen wie Verwesung und Tierfrass erklärt wurde. Die genaue Entstehung einiger Verletzungen konnte jedoch nie eindeutig rekonstruiert werden.

Gedenkstätte für die neun im Jahr 1959 am Djatlow-Pass unter mysteriösen Umständen verstorbenen Wanderer (Bildquelle: Dmitry Nikishin / Wikimedia Commons)
Viele Theorien, wenig Gewissheit
Da es keine Überlebenden und keine eindeutigen Spuren gab, entstanden über die Jahre zahlreiche Erklärungsansätze. Diskutiert wurden unter anderem ein Angriff durch Dritte, ein militärischer Zwischenfall, extreme Wetterphänomene oder Panikreaktionen innerhalb der Gruppe.
Auch ungewöhnliche Beobachtungen, etwa berichtete Lichterscheinungen am Himmel (UFOs) oder Spuren radioaktiver Rückstände an Kleidung, trugen zur Entstehung weiterer Theorien bei.
Als wahrscheinlichste Erklärung gilt heute eine Naturgewalt: Experten gehen davon aus, dass ein Schneebrett oder ähnliche Bedingungen die Gruppe dazu veranlasst haben könnten, ihr Zelt überstürzt zu verlassen. Vollständig klären lässt sich der Ablauf der Ereignisse jedoch bis heute nicht.
Neue Untersuchung Jahrzehnte später
2019 wurde der Fall in Russland erneut überprüft. Die Ermittler kamen später zu dem Schluss, dass eine Naturgewalt, insbesondere ein Schneebrett oder eine Lawine, die wahrscheinlichste Erklärung sei. Auch eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2021 hält ein kleines Schneebrett für plausibel, ausgelöst durch Hanglage, Wind und den Einschnitt, den die Gruppe für ihr Zelt in den Schnee gegraben hatte.
Vollständig bewiesen ist diese Erklärung jedoch nicht. Selbst beteiligte Forscher betonten, dass niemand endgültig sagen könne, was in jener Nacht tatsächlich geschah.


