Ungelöst – Betty Belshaw – die Tote mit dem manipulierten Zahnschema
Redaktion Polizeiticker Schweiz
Eine unbekannte Frauenleiche wird 1979 im Kanton Waadt entdeckt. Monate später führt die Spur zu einer vermissten kanadischen Professorin und zu ihrem Ehemann. Der steht schliesslich wegen Mordes vor Gericht. Doch Cyril Belshaw wird freigesprochen. Was geschah mit Betty Belshaw?
Diese Woche führt uns unsere «Ungelöst»-Reihe zurück ins Jahr 1979. Während Europa das Ende eines bewegten Jahrzehnts erlebt, verbringen zwei kanadische Professoren mehrere Monate in der Schweiz. Eigentlich soll es eine Auszeit vom Universitätsalltag sein. Doch dann verschwindet Betty Belshaw, angeblich während einer Reise nach Paris. Wenige Monate später wird im Kanton Waadt eine unbekannte Tote gefunden.
Betty soll in Paris verschwunden sein
Mitte Januar reisen Betty und Cyril nach dessen späterer Darstellung gemeinsam nach Paris. Dort verliert sich angeblich Bettys Spur. Sie soll die Metro an der Station Odéon genommen haben und nicht mehr zurückgekehrt sein. Am 15. Januar 1979 meldet Cyril seine Frau bei der französischen Polizei und der kanadischen Botschaft als vermisst. Dabei gibt er an, Betty leide unter Amnesie.
Zwei Tage später fährt Cyril alleine zurück in die Schweiz. Bettys Koffer nimmt er mit, doch mit der Zeit bekommen die Ermittler Zweifel an seiner Geschichte. Denn sie finden keinen Beleg dafür, dass Betty überhaupt gemeinsam mit ihrem Mann in Paris angekommen war.
Eine unbekannte Tote im Kanton Waadt
Mehr als zwei Monate später, am 27. März 1979, machen Arbeiter im Kanton Waadt eine grausige Entdeckung.
Unterhalb einer Ausweichstelle an einer Strasse kurz nach Le Sépey liegen die Überreste einer unbekannten Frau. Die Tote ist unbekleidet, Teile ihres Körpers befinden sich noch in drei grossen, zugeschnürten Müllsäcken.
Der Leichnam ist bereits stark verwest und durch Tiere beschädigt. Wann die Frau starb und was ihren Tod verursachte, lässt sich nicht mehr feststellen. Damit stehen die Ermittler vor einem grundlegenden Problem: Wer ist die Tote?
Eine Möglichkeit, ihr einen Namen zu geben, bieten ihre Zähne. Und genau sie werden zu einem der ungewöhnlichsten Aspekte des gesamten Falls.
Das Zahnschema passt nicht
Bei der Suche nach vermissten Frauen stossen die Schweizer Ermittler schliesslich auf Betty Belshaw.
Sie bitten ihren Ehemann um die Zahnunterlagen seiner verschwundenen Frau. Cyril lässt ihnen ein Zahnschema aus Kanada zukommen. Zunächst scheint es nicht zur unbekannten Toten zu passen.
Cyril schreibt daraufhin sogar Bettys Zahnarzt und teilt ihm mit, dass die Polizei keine Leiche gefunden habe, deren Gebiss mit dem seiner Frau übereinstimme.
Doch einem Schweizer Zahnexperten fallen Unklarheiten auf. Er setzt sich direkt mit Bettys Zahnarzt in Verbindung.
Dabei kommt etwas Erstaunliches ans Licht: Das Zahnschema war an zwölf Stellen verändert worden.
Und Cyril Belshaw bestreitet später nicht, selbst Änderungen vorgenommen zu haben. Warum verändert er die Unterlagen seiner vermissten Frau?
Seine Erklärung: Er habe Angst davor gehabt, mit der Identifizierung der Leiche seiner Frau und dem damit verbundenen psychischen Trauma konfrontiert zu werden. Über die möglichen Konsequenzen seines Handelns habe er nicht nachgedacht.
Auch die gemeinsame Tochter Diana verteidigt ihren Vater später vor Gericht. Solange nicht feststehe, was mit Betty passiert sei, habe noch Hoffnung bestanden.
Für die Ermittler wirft das manipulierte Zahnschema dennoch neue Fragen auf. Und es bleibt nicht der einzige Punkt, der sie beschäftigt. War Betty überhaupt in Paris?
Die Ermittlungen ergeben keine Spur, die Bettys Anwesenheit in Paris bestätigt. Im Novotel in Bagnolet hatte Cyril zwar am 14. Januar ein Formular für sich und seine Frau ausgefüllt. Doch niemand konnte sich daran erinnern, Betty dort gesehen zu haben.
Auch an der Bibliothèque nationale, die Betty angeblich besuchen wollte, findet sich keine Spur von ihr. Dasselbe gilt für Raststätten entlang der Strecke.
Der letzte bekannte Zeitpunkt, zu dem Betty nachweislich lebend gesehen worden sein soll, liegt bereits am 6. Januar in Montana im Wallis, acht Tage vor der angeblichen Ankunft des Ehepaares in Paris.
Damit stellt sich eine entscheidende Frage: Wenn Betty nicht in Paris war – wo war sie dann?
Eine andere Frau
Während ihrer Ermittlungen erfahren die Behörden zudem, dass Cyril eine Beziehung zu einer anderen Frau unterhält.
Sie hatte bereits im Sommer zuvor Zeit mit ihm in Montana verbracht. Nach Bettys Verschwinden schreibt Cyril ihr einen Brief, in dem er mitteilt, Betty sei weg beziehungsweise habe ihn verlassen.
Für die Staatsanwaltschaft wird die Affäre später zu einem möglichen Bestandteil ihrer Theorie über Bettys Tod.
Doch auch hier gilt: Eine Affäre ist kein Beweis für einen Mord.
Festnahme in Paris
Cyril ist inzwischen nach Kanada zurückgekehrt. Als die Schweizer Behörden erfahren, dass er wegen einer Einladung der UNESCO nach Paris reisen wird, wird ein internationaler Haftbefehl erlassen.
Am 11. November 1979 wird der Professor nach seiner Ankunft am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle festgenommen.
Im Februar 1980 kommt er in der Schweiz in Untersuchungshaft. Ende desselben Jahres muss er sich schliesslich in Aigle vor Gericht verantworten.
Der Vorwurf: Mord an seiner Ehefrau Betty.
Die Theorie der Staatsanwaltschaft
Die Anklage geht davon aus, dass Betty Anfang Januar von der Affäre ihres Mannes erfahren haben könnte. Zwischen dem Ehepaar soll es zu einem heftigen Streit gekommen sein, der eskaliert sei. Cyril habe seine Frau getötet und anschliessend versucht, ihren Tod zu verschleiern.
Doch diese Rekonstruktion ist eine Theorie der Staatsanwaltschaft. Einen direkten Beweis dafür, dass sich die Ereignisse tatsächlich so abgespielt haben, gibt es nicht. Der Fall gegen Cyril beruht auf Indizien.
Da sind die manipulierten Zahnunterlagen. Die fehlenden Belege für Bettys angeblichen Aufenthalt in Paris. Die Affäre. Und Auffälligkeiten in Cyrils Verhalten nach dem Verschwinden seiner Frau.
Was fehlt, ist der entscheidende Nachweis: dass Cyril Betty tatsächlich getötet hat.
Freispruch
Die Staatsanwaltschaft fordert zwölf Jahre Haft wegen Mordes. Die Verteidigung hält dagegen: Entscheidend sei nicht, ob Cyril als möglicher Täter plausibel erscheine. Entscheidend sei, ob ihm der Mord an seiner Frau tatsächlich bewiesen werden könne.
Die Jury kommt zu dem Ergebnis, dass dies nicht der Fall ist. Am 9. Dezember 1980 wird Cyril Belshaw also freigesprochen.
Später heiratet er jene Frau, mit der er während seiner Ehe mit Betty eine Beziehung geführt hatte. Eine Antwort darauf, was Betty zugestossen ist, bringt der Prozess nicht.
Was geschah mit Betty Belshaw?
Mehr als vier Jahrzehnte später bleibt der Fall von ungewöhnlichen Details geprägt.
Eine Frau verschwindet angeblich in Paris, ohne dort eine nachvollziehbare Spur zu hinterlassen. Monate später wird ihre Leiche in der Schweiz entdeckt. Ihr Ehemann verändert ausgerechnet jene Zahnunterlagen, mit deren Hilfe sie identifiziert werden könnte.
Die Staatsanwaltschaft sieht in ihm Bettys Mörder. Die Beweise reichen jedoch nicht für eine Verurteilung.
Cyril Belshaw wurde freigesprochen. Wer Betty Belshaw tötete und was in ihren letzten Stunden tatsächlich geschah, blieb ungeklärt.

